Diagnoseübermittlung und Kenntnisnahme der Nebenwirkungen bei Krebstherapie

Krebs und die Würde des Menschen

Würdevoller Umgang mit Krebspatienten

Ein neuer Fall (wobei Fall nicht abwertend gemeint ist) von Würdelosigkeit bis hin zur unterlassenen Hilfeleistung, der mir in meinem Praxisalltag begegnet ist. In diesem Fall lief es mir so eiskalt über den Körper, dass es mich geschüttelt hat. Ich bin fassungslos und es muss etwas getan werden. Es kann und darf nicht sein, dass krebserkrankte, behandlungsbedürftige Menschen von ihrem Onkologen als „Sache“ behandelt werden. Wir haben es hier nicht mit irgendwelchen Körpern, die von ihren „Sinnen“ abgespalten sind zu tun.
Patient, mittleres Alter, Metastasen bei unbekanntem Primärtumor, CUP-Syndrom. Plattenepithelkarzinom-Metastasen im Bereich der Halslymphknoten.
Von schwerwiegenden Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen der simultanen Radiochemotherapie sprach der Arzt in diesem Fall weniger. Vielmehr ging es darum, dass die Behandlung, am besten morgen schon, beginnen muss (mit dem Hinweis, dass die Therapie im ambulanten Rahmen stattgefunden hat).
Zitat: „Sie wollen doch noch ein paar Weihnachten erleben, wenn Sie nicht sofort mit der Behandlung beginnen wird das nichts mehr“.
Im Rahmen der Diagnoseermittlung war sich die Ärzteschaft allerdings sechs Monate nicht einig und ließ sich Zeit. Doch dann ging es auf einmal ganz schnell. Ganz besonders bei der Übermittlung der Diagnose. Zwischen einer langen Warteschlange von Patienten kam der Arzt und teilte dem ahnungslosen Patienten, im Wartebereich eines Krankenhauses stehend, folgendes mit:
Zitat: „Ihnen ist ja schon klar, dass Sie ein Plattenepithelkarzinom haben, wir kriegen das hin“.
Die Aussage ist bei dem Patienten kaum angekommen und weg war der Arzt. Der Betroffene Patient stand nun immer noch zwischen zig wartenden Patienten und wusste nicht wie ihm geschah.
Ein Behandler ist nach § 630d Abs. 2 Nr. 1 verpflichtet mündlich aufzuklären. Und zwar nicht nur in Bezug auf die Krebsdiagnose, sondern auch in Bezug auf die Behandlung und den damit verbundenen Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen. Eine reine "Formularaufklärung" ohne persönliches Gespräch ist grundsätzlich unzureichend, das scheint bei einigen Behandlern immer noch nicht angekommen zu sein. Ganz zu schweigen von derart würdeloser Art und Weise, eine schwerwiegende Diagnose zu übermitteln.
Eine simultane Radiochemotherapie ist eine für den Körper und den Geist, sehr belastende Therapie, welche aufgrund der Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen im stationären Rahme stattfinden sollte. Der Krebspatient ist bei einer derart belastenden Therapie unter Beobachtung und kann von einer unverzüglichen, medizinischen Versorgung, gerade auch im Rahmen der Symptomkontrolle wie starken Schmerzen, Entzündungen der Mundschleimhäute und daraus resultierend, keine Möglichkeit der oralen Nahrungsaufnahme profitieren. Gerade im Halsbereich kann es zu sehr schweren Verbrennungen und Entzündungen der Mundschleimhaut kommen, was in diesem Fall auch geschehen ist. Ich habe Fotos einer dritt gradigen Verbrennung gesehen (und ich nehme mir die Frechheit heraus, dass als Rettungsassistentin und Breitenausbilderin beurteilen zu können).
Im weiteren Verlauf hat sich der Allgemeinzustand des Patienten über den 7-wöchigen Behandlungsverlauf massiv verschlechtert. Der Patient mobilisierte seine letzten Kräfte, um mit dem Taxi zu seiner letzten Strahlentherapie zu fahren. Vor Ort teilte er dem Arzt mit, dass er nicht mehr könne, er habe keine Kraft mehr und das Gefühl zusammenzubrechen. Der Arzt erwiderte daraufhin:
Zitat: „Ihre Blutwerte sind nicht die besten, aber wir ziehen noch einmal durch“.
Mit letzter Kraft, stärksten Schmerzen im Mund- und Halsbereich, sowie am äußeren Gewebe des Halses, ließ der Patient eine weitere Strahlentherapie über sich ergehen. Eine Nahrungsaufnahme war zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr möglich.
Unmittelbar nach Abschluss der letzten Therapieeinheit ist der Patient zu Hause bewusstlos zusammengebrochen, sodass er mit einem Rettungswagen in die Notaufnahme eines Krankenhauses gebracht wurde um dort über 10 Tage mit kontinuierlich durchlaufendem Morphin, in einen Dämmerzustand versetzt zu werden. Das Ausmaß der Verbrennungen, Schmerzen und der körperliche Allgemeinzustand war offensichtlich, weiterhin beklagte der Patient seine Befindlichkeiten vor der letzten Behandlung, sodass ein Mediziner hier unverzüglich Handlungsbedarf hätte erkennen müssen. Das Nichthandeln der Ärzte haben den Patienten in eine akut lebensbedrohliche Situation gebracht.
Worum geht es hier eigentlich? Hier geht es um Menschenwürde und um das Erkennen von Zuständen die medizinisch unter Aufsicht zu stellen sind. Für Gewöhnlich wird eine simultane Radiochemotherapie im stationäre rahmen durchgeführt, das ist hier nicht geschehen. Spätestens im weiteren Verlauf, als der Patient seinen Zustand beklagte gab es an der Stelle Handlungsbedarf, in Form von stationärer Aufnahme.
Das Resultat von der Art und Weise der Diagnoseübermittlung, die Auswirkungen der Therapie, vor allem das ignorieren, bis hin zur unterlassenen Hilfeleistung hat bei diesem Patienten dazu geführt, dass er seelisch so stark verletzt und verstört wurde, dass hieraus eine Behandlungsbedürftigkeit resultiert.
Und nein, es handelt sich hier nicht um einen Einzelfall. In letzter Zeit häufen sich derartige Fälle und das muss aufhören. Was nutzt eine körperliche Behandlung, wenn die Seele aufgrund würdeloser und ignorierender Art und Weise völlig verstört wird. Vor allem aber stellt sich mir die Frage, wer derartige Verstörungen begleiten soll, wenn ein derart großes Defizit an Psychoonkologen herrscht, ganz zu schweigen von der Übernahme der Kosten für eine Psychoonkologische Begleitung. Es kann nicht sein, dass es im Rahmen der Onkologie nur noch darum geht, dass am Ende des Quartals die Summen auf den jeweiligen Arzt- und Pharmakonten stimmen und eine gute Psychoonkologische Begleitung und Therapie nicht berücksichtigt wird. Meine Krebspatienten sind auch aufgrund der würdelosen Art und Weise von Diagnoseübermittlung und schlechter zwischenmenschlicher Betreuung traumatisiert. Wir haben es hier mit Menschen zu tun und zwar im ganzheitlichen Sinne. Ein Mensch besteht also nicht nur aus einem Körper, sondern Fleisch, Blut und Seele, mit etlichen Sinnen. Auch das scheint immer noch nicht alle Ärzte erreicht zu haben. Offenheit für den ganzheitlichen Menschen und Reflektionsbereitschaft wären ein Anfang. Auch das kann in Fortbildungen gelernt werden!